11. Juni 2018

Vorfreude ist die schönste Freude

Wer in einem Jeep durch die Nationalparks Afrikas ruckelt, hat sie bald alle gesehen: die Elefanten, Leoparden, Gnus, Giraffen und Stachelschweine. Selbst ein Löwe, der sein Hinterteil am Kotflügel des Allrads schubbert und beim beherzten Gähnen messerscharfe Zähne zeigt, ist nicht mehr der ganz große Aufreger. Doch wehe, man verlässt das blecherne Vehikel und spaziert zu Fuß durch die Wildnis…

„Spaziergang durch die Natur“ – das stand zumindest auf meinem Reiseplan. Ich bin in Botswana und will Tiere sehen. Spaziergänge erinnern mich an Sonntagsausflüge mit anschließendem Kaffeetrinken und stehen nicht unbedingt auf der Liste meiner Lieblingsbeschäftigungen.

20.000 Quadratkilometer Feuchtgebiet

Doch das Gewehr, das laut Reiseprogramm mit auf Tour gehen soll, gibt mir Hoffnung. Ich packe also eine Wasserflasche, Kamera und Schreibblock ein. Dann kommt eine Ladung Autan auf die Hosenbeine, die ich – alter Safaritrick – gegen kleine stechende Ungeheuer in die Socken gesteckt habe. Dann geht es zum Treffpunkt auf die Holzterrasse des Pelo Camps.

Das Camp steht auf einer winzigen, wie ein Herz geformten Insel mitten im Wasser des Okavango Deltas, jener riesigen Pfanne, die sich Jahr für Jahr mit Wasser füllt, das nach dem großen Regen aus Angola kommt. Das Pelo Camp (Pelo heißt „Herz“ in der Sprache der Setswana) kann nur durch die Luft mit wackligen Cessnas und dann per Einbaum übers Wasser erreicht werden. Schon die Anreise war ein Abenteuer, nun geht es auf Erkundungstour – und zwar zu Fuß mitten hinein in die Wildnis.

Wo Helden Nickelbrillen tragen

Als Guide hatte ich mir den Typ Robert Redford vorgestellt, eine Art Großwildjäger mit verwegenem Grinsen und zotteligen Locken, die unterm Safarihut hervorquellen. Idealerweise noch ein fehlender Finger von einem Krokodilbiss oder wenigstens eine kleine Narbe über der Augenbraue. Man ahnt es schon: Ich werde enttäuscht.

Ras kommt aus dem Restaurant herübergeschlendert, ein schmaler Mann mit Nickelbrille, der seine Winchester (immerhin!) wie einen Einkaufsbeutel am Arm baumeln lässt.

Impressionen

Ich fühle mich mit Jeans, khakigrüner Bluse und ebensolcher Schirmmütze halbwegs passend gerüstet. Weit abgeschlagen bin ich jedoch angesichts von Herbert und Gerti aus dem Allgäu. Sie haben offensichtlich die gesamte Safariabteilung des ortsansässigen Sporthauses leergekauft. Alles stimmt bis aufs I-Tüpfelchen: Hemden und Hosen in Beige, Westen mit zahllosen Klappentaschen, Schlapphüte mit baumelnden Kinnriemen und natürlich knöchelhohe Stiefel. Ras lächelt amüsiert, hat aber nichts einzuwenden.

Dann kommen Elaine und Jonathan aus Colorado in zweckmäßiger Outdoorkleidung in gedeckten Farben. Ras nickt zufrieden, doch dann ereilt ihn die Schnappatmung. Das Honeymoonpärchen aus New York tritt auf die Bühne. Er im signalroten Funktionsshirt, sie im weißen Flatterkleidchen. „No, no, no, not possible“. Ras, sonst eloquent, stottert fast und schwenkt erregt seine Winchester. Signalrot würde die Tiere sofort in Angriffsmodus versetzen, das Flatterkleidchen bald zerfetzt an den Akaziendornen hängen bleiben. Die beiden Honeymooner schmollen, finden Afrika doof und ziehen sich händchenhaltend in ihr Luxuszelt zurück.

Für uns anderen geht`s los. Wir steigen in wackelige Einbaumboote, die von Ras und seinen Kollegen durchs Schilf gestakt werden. Wir bahnen uns den Weg durch duftendes Gras und hören die Nilpferde in ihren Pools grunzen. Porzellanfarbene Lilien schwimmen auf dem Wasser, zarte Jacana-Vögel stolzieren über die Blätter und ein Schreiseeadler gleitet am Himmel, um sich dann auf einem kahlen Baum niederzulassen.

„Wir wollen Elefanten sehen“, lässt Gerti sich leicht nörgelnd vernehmen. „Uns reichen auch ein paar Antilopen“, erklären die Amerikaner höflich. Bevor es zu einem Disput kommt, steuert Ras den Einbaum ins Gebüsch und lässt uns aussteigen.

Die Elefanten kommen schneller als gedacht. „Da steht Benjamin Blümchen“, hören wir Herbert wenige Minuten später rufen, was sofort Ras auf den Plan bringt. „Psst“, zischt er in unsere Richtung und legt den Finger an die Lippen.

Benjamin ist nämlich schlecht gelaunt...

„Zurück, zurück“, flüstert Ras und wedelt mit dem Arm. Vielleicht fünfzig Meter vor uns hat sich ein mächtiger Elefantenbulle wie ein zürnender Riese aufgebaut und wirft verärgert den Rüssel hin und her. „Er ist in Warnposition, noch kein Angriff“, zischt Ras. Mein Herz hämmert gegen die Rippen und mir jagen Gedanken durch den Kopf. Elefanten gehören zu den gefährlichsten Tieren Afrikas, sie stürzen sich auf Menschen, werfen sie mit ihrem Rüssel in die Luft, kicken Sie mit ihren baumdicken Beinen durch die Gegend…

Ich höre Herbert und Gerti hinter mir stoßweise atmen, ein Kommentar ist von ihnen jetzt nicht mehr zu erwarten. Ganz langsam bewegen wir uns rückwärts, ein geordneter, aber nicht gerade eleganter Rückzug. Es raschelt und knackt unter unseren Füßen und Herbert bleibt mit seinem Kinnriemen an einem Mopane-Ast hängen. Nur der schmächtige Ras bleibt unerschrocken stehen und verwandelt sich vor meinen Augen zum Helden aller Großwildjäger. Er reckt sich hoch, wedelt mit den Armen und schmettert dem vierbeinigen Griesgram ein „go away“ entgegen. Benjamin ist unschlüssig, er prustet und grummelt. Dann, eine gefühlte Ewigkeit später, scheint er die Lust auf einen Angriff verloren zu haben. Er markiert noch einmal den Macker, wedelt mit seinen Ohren groß wie Badetücher und trottet knackend und schnaubend durchs Unterholz davon.

„Na, Angst gehabt?“, fragt Ras breit grinsend, während er sich die Nickelbrille auf der Nase zurechtschiebt. „Och, na ja…“, wir geben uns ungerührt. Inzwischen hat sich die Sonne gen Horizont geschoben und die Bäume werfen lange Schatten. In der Ferne hören wir die Löwen röhren, es ist Zeit für die Jagd in der Abenddämmerung. Ras mahnt zum Aufbruch und verspricht ein paar „wirklich gefährliche Storys“ nachher im Camp am Lagerfeuer.

Jutta Lemcke

Jutta Lemcke
Reisejournalist

Jutta findet, dass der Mensch nicht dafür gemacht ist, sein Leben auf den immer gleichen wenigen Quadratmetern zu verbringen. So richtig zu Hause fühlt sich die Redakteurin erst, wenn sie unterwegs ist – und da es zu Hause am schönsten ist, gondelt sie gern durch die Welt. Je weiter, je besser und am liebsten dorthin, wo man Zeit und Raum für einen wunderbaren Moment vergessen kann.

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Reiseinfos

Okavango Delta

Praktische Reiseinfos

Botswana entspricht nicht dem gängigen Image eines afrikanischen Landes und gilt als eines der sichersten Ziele im südlichen Afrika. Sowohl der niedrige Korruptionsindex als auch Natur- und Tierschutz können sich mit europäischen Standards messen. Aus Deutschland werden bisher leider keine Direktflüge nach Maun angeboten, so dass meist in Johannesburg (Südafrika) oder Windhoek (Namibia) umgestiegen werden muss.

Übernachtung

Im Okavango Delta finden sich einige von Botswanas schönsten Lodges. Ob modernes Design oder klassischer Safari-Stil - alle berücksichtigen das empfindliche Ökosystem in dem sie erbaut sind und setzen auf Nachhaltigkeit.

Beste Reisezeit

Zwischen Mai und Oktober ist es trocken und gerade zu Beginn dieser Reisezeit zeigt sich das Delta saftig Grün und mit einem Nahrungsüberfluss. Nicht nur große Elefantenherden, sondern auch Büffel und andere Herdentiere zieht es an das durchflutete Gebiet. Und mit Ihnen die Jäger wie Löwen und Leoparden. Aufgrund häufiger Überschwemmungen sind die Regenmonate von Dezember bis März nicht zu empfehlen. Besonders in den Abendstunden kann es in dieser Zeit zu heftigen Gewittern kommen.

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